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Story time: Vaterlos

Manchmal ist man an den eigenen Schmerz so gewöhnt, dass man ihn nicht einmal mehr wahrnimmt. Das ging mir mit dem Thema Vater so. Ich habe keinen Kontakt zu meinem Vater obwohl er in derselben Stadt wohnt, wo er vor langer Zeit eine neue Familie gegründet hat. Das mag jetzt etwas krass klingen, aber eigentlich ist das Thema Vater für mich ein alter Hut. Ich spreche nur noch über ihn, wenn mich Tunesier, oder Araber auf der Straße, im Taxi, in der U- Bahn, o.ä., mit freudestrahlenden Augen ansehen und fragen, wo ich denn herkomme, inständig hoffend, dass ich ihr Herkunftsland nenne. So süß und liebenswürdig das ist, so unangenehm für mich, weil ich insgeheim noch wütend auf meinen Vater war, was mir bis heute nicht bewusst war.

Zuhause spielte das Thema eher eine untergeordnete Rolle. Es gab meistens wichtigere Themen. Abgesehen davon wurde mein Vater auch von meinem beiden engsten Bezugspersonen, meiner Mama und meiner Oma, unterschiedlich wahrgenommen. Für meine Oma war mein Vater eine Art Schande, weil er seinen väterlichen Pflichten und vor allem seinen finanziellen Pflichten nicht hinterherkam. Meine Mutter beschützte ihn, sobald man schlecht über ihn sprach. Ich erinnere mich daran, wie meine Oma mit mitleidiger Stimme an Geburtstagen, oder an Weihnachten bemerkte, dass er doch wenigstens eine Karte hätte schreiben könne, nicht wissend wie wertlos ich mich dann fühlte und dass ich insgeheim annahm, dass es wohl an mir läge. Mein Vater zahlte außerdem keinen Unterhalt. Nach langer Diskussion mit meiner Mutter beantragte meine Oma den Unterhalt dann auf eigene Faust beim Jugendamt. „Wenigstens zahlen könnte er für das Kind“ sagte sie oft zu meiner Mutter, die ihn nach wie vor verteidigte.  Ich verstehe natürlich mittlerweile, dass meine Mutter verhindern wollte, dass ich ein schlechtes Bild von meinem Vater bekomme und seinetwegen bitter werde. Aber genau das ist passiert.

Bitter ist ein hartes Wort, oder? Was macht einen eigentlich bitter?

Wahrscheinlich die Summe aus Enttäuschungen, Zurückweisungen, Verletzungen und Unvergebenheit den Menschen gegenüber, die uns vermeintlich, oder tatsächlich etwas angetan haben. In meinem Fall war ich mir überhaupt nicht bewusst darüber, dass die Wurzel meiner Bitterkeit mit meinem Vater zu tun hatte. Er war wohl die erste große Enttäuschung in meinem Leben und die erste und wichtigste Person, die mich je abgelehnt hat. Zurück zu den lieben Landsmännern und -frauen, die jedes Mal entsetzt sind, wenn ich sage, dass mein Vater aus Tunesien kommt ich, aber keinen Kontakt zu ihm habe. Der nächste Schock folgt dann mit der Aussage, dass er in derselben Stadt lebt und sich trotzdem nicht meldet. Ich antworte dann immer, dass ich froh bin ohne ihn aufgewachsen zu sein, was tatsächlich stimmt. Ich hätte wahrscheinlich ein komplett anderes Leben geführt und wäre nicht mit so viel Freiheiten aufgewachsen. Und ich bin auch dankbar für meine Kindheit wie sie war. Dennoch bin ich verletzt. Das habe ich nie gesagt. Weil es mir nicht einmal selbst bewusst war.

Ich habe vor Kurzem eine bewegende Predigt über Bitterkeit gesehen und den Herrn gebeten mir zu zeigen, wo bei mir noch Bitterkeit vorhanden ist. (Oh ja, ich bin Christin und bete über Sachen, die mich bewegen…) Ich träumte daraufhin von meinem Vater. Als ich aufgewachte war ich so gerührt, dass ich weinen musste, weil mir klar wurde, wieviel Schmerz und welche Verhaltensweisen mit meiner Bitterkeit gegenüber meinem Vater einhergehen. Leider ist das Thema vaterlos zu sein auch ein Generationsthema in meiner Familie. Der Vater meiner Oma starb als sie ganz klein war an den Folgen einer Lungentuberkolose, meine Mutter lernte ihren Vater nie kennen und ich wuchs auch ohne Vater auf. Gleichzeitig waren Mutter und Oma geschieden und ich habe nie ein gesundes, oder überhaupt irgendein Männerbild vorgelebt bekommen. Meine Mutter und meine Oma lebten mir dafür mein ganzes Leben vor, wie man als Frau seinen „Mann steht“. Was bedeutet extrem tüchtig, leistungsorientiert, eben der Breadwinner des Hauses zu sein, etwas härter, widerstandfähiger und voll Durchsetzungskraft. Ich habe davon viel mitgenommen und für viele Situationen waren diese Attribute auch von Vorteil, aber ich spürte immer, dass etwas nicht ganz im Lot war.

Zurück zur Bitterkeit. Bitterkeit vegiftet nicht nur unsere Seele, Bitterkeit kann uns krank machen. Ich kann davon ein Lied singen. Ich hatte mir lange vorgenommen mit meinem Vater und seinem Verhalten in Frieden zu leben. Dank meines himmlischen Vaters ist es nun soweit. Tatsächlich weiß ich nichts über die Motive, Herausforderungen, Familienthemen, Verletzungen meines Vaters, ob er abgelehnt wurde, etc. Was ich mir vorstellen kann ist, dass mein Vater sehr verletzt worden sein muss, um sein eigenes Kind abzulehnen. Deswegen vergebe ich ihm und wünsche ihm das Beste. Vielleicht treffen wir uns nochmal und wenn nicht, ist es für uns beide das Beste.

Ich bin überaus dankbar, dass ich dieses Thema nun endlich liebevoll betrachten darf und viele Erkenntnisse nach so vielen Jahren endlich vom Kopf ins Herz rutschen durften. Niemand ist perfekt und deswegen werden und wurden wir verletzt und wir werden noch oft andere Menschen verletzen, weil wir Menschen sind, aber wir dürfen darauf hoffen und dafür beten, dass Gott unser Herz heilen wird und bis dahin unser Herz vor Bitterkeit und Gram schützen. Ein wunderschöner Bibelvers zu dem Thema ist Psalm 147:3, der über Gott sagt: „Er heilt die zerbrochenen Herzens sind und verbindet ihre Schmerzen.“

Ich wollte diese Geschichte unbedingt mit euch teilen, weil ich finde, dass in der virtuellen Welt viel zu wenig Transparenz herrscht. Fühlt euch umarmt!

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1 Comment

  • Reply
    Jasmina Liliana
    März 9, 2019 at 4:18 pm

    Liebe Sonja, ich bin dir so dankbar, dass du diesen Artikel geschrieben hast.
    Vaterlos sein- das hinterlässt nicht nur ein Loch im Herzen, sondern auch in der Seele.
    Der Schmerz wird wohl nie ganz vergehen, man muss lernen, mit diesem Loch zu leben und drumherum einen schönen Garten zu pflanzen. EIn solches Ereignis prägt einen ungemein und hinterlässt Spuren in anderen Beziehungen, im Verhalten.
    Wichtig ist diese Muster aufzubrechen und so zu leben wie alle anderen, die großartige Väter hatten, auch.
    Ich wünsche dir für diesen Weg Liebe, Licht und Segen <3

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